Donnerstag, 5. November 2015

Angela Gäde zu Besuch im Antiquariat

Ich rieb mir mit Daumen und Mittelfinger müde über die Augen. Die staubige Luft und die alten Schriften hatten mich mehr ermüdet, als ich es mir hätte eingestehen wollen. Und jetzt war da auch noch dieser Termin. Eine junge Autorin hatte sich angemeldet. Außerhalb der Geschäftszeiten!

Ich schaute auf meine Taschenuhr. Oh, mein Besuch würde ja schon gleich kommen. Also griff ich nach meinem Stock, der dienstbereit am Ohrensessel lehnte, und stemmte mich mit seiner Hilfe mühsam in die Senkrechte. Den Weg nach vorne in den Verkaufsraum bewältigte ich leise fluchend. Nächstes Mal würde ich Beatrice herbestellen. Wofür hatte man denn Personal?
„Alles muss man selber machen“, flüsterte ich mir selbst zu, dann griff ich nach dem Schlüssel und schloss die Ladentür auf. Wie auf Bestellung trat auch schon mein Gast vor das Antiquariat. Ihr Blick streifte kurz die Auslage in meinem Schaufenster. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten hatte ich ein paar Urban Fantasy Titel darin dekoriert. Ganz unpassend dazu standen an der Seite noch einige Liebesromane. Natürlich hatte ich es mir verkniffen ‚Frühlingserinnerungen‘ oder einen Roman mit dieser Emma hinzustellen. Nein, das ist nicht meine Art. Trotzdem hatte ich mich zu einem -zugegebenermaßen etwas fiesen- Entgegenkommen entschieden. 'Kartoffel, Reis und Döner', das zurzeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich war, wurde von einem Spotlicht angestrahlt. Auf diese wenig subtile Weise bildete es den Blickfänger im Schaufenster.

Das Glöckchen bimmelte und sie trat ein. „Fräulein Gäde!“, sagte ich und reichte der jungen Frau freundlich die Hand. Dabei musterte ich sie. Natürlich blieb mein Blick zunächst an ihrer Haarpracht hängen. Diese Naturlocken machten selbst Curly Sue eine ernsthafte Konkurrenz. Daran änderte auch der schwarze Bowler nichts, der die rotblonde Mähne nur leidlich zu bedecken vermochte.
Gekleidet war sie mit einer schwarzen Lederjacke, die bis zur Hüfte reichte. Ein rot-kariertes Hemd schaute unter der Jacke hervor. Blue Jeans und und blue -äh- blaue Chucks. Das würde ich nicht als graue Maus bezeichnen. Das buntes Halstuch unterstrich das kecke Outfit auf charmante Weise.
„Herr Plana?“
„Höchstpersönlich“, sagte ich.
Sie lächelte in höflicher Zurückhaltung. „Nabend.“
Ah, Ruhrpott dachte ich bei mir. Deshalb erwiderte ich ebenfalls mit „Nabend“ den Gruß.
Mit einer auffordernden Geste bat ich sie nach hinten ins Arbeitszimmer. Ich bot ihr als Sitzplatz den Bürostuhl am Sekretär und setzte mich selbst wieder in meinen Ohrensessel. Das war vielleicht nicht zu hundert Prozent galant, weil ich es nun eindeutig bequemer hatte, aber es fühlte sich irgendwie richtig an. Es schien sie nicht zu stören, denn ihre Aufmerksamkeit galt ganz diesem besonderen Zimmer. Ihr Blick huschte über die Bücher in meinen Regalen. Freude und verträumte Abwesenheit spiegelten sich auf ihrem Gesicht. Umgeben von Büchern machte sie auf mich den Eindruck, die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege zu haben. Aber das mochte täuschen.
„Schön hier?“, fragte ich amüsiert.
Die Antwort war ein ehrfürchtiges Nicken. Ah! So eine war sie. Ohne Zweifel eine Buchliebhaberin, die Einbände streichelte, Respekt vor alten Werken hatte und in Literatur mehr als eine Aneinanderreihung von Worten sah.

Trotzdem mussten wir jetzt irgendwie einen Anfang finden. Ich deutete auf ihre auffällig rote Tasche, die immer noch an einem Riemen über ihrer Schulter hing: „Haben Sie Ihre Bücher dabei? Welche sind es denn?“
„Eines meiner Bücher liegt schon vorne im Fenster ...“
„Ach“, machte ich scheinheilig. „Erzählen Sie mal.“
„Darüber gibt es nicht viel zu erzählen. Es ist nicht mehr erhältlich und wartet auf eine Überarbeitung, allerdings ist dafür noch nicht die richtige Zeit. Das ist die Krux an der Sache, die Geschichten oder Bücher sagen mir, wann sie geschrieben werden wollen. Nur leider haben die nicht immer das beste Timing oder ich durchschaue es nicht.“
Das Bücher zu ganz bestimmten Zeiten geschrieben werden wollten, das kannte ich. Die Ansicht, dass es vielleicht ein ganz besonders gutes oder schlechtes Timing für die Veröffentlichung geben solle, fand ich allerdings ... interessant. „Was wäre denn ein gutes Timing?“, hörte ich mich laut fragen.
Angela legte den Kopf schief, kaute kurz auf der Unterlippe und flocht dann auf amüsante Weise ein Zitat von Winston Churchill in ihre Antwort: „Wenn man den Statistiken, die man nicht selber gefälscht hat, glauben darf, dann sind Liebesromane im Sommer, Krimis im Herbst und Kinderbücher im Winter die Verkaufsschlager. Mein Liebesroman ‚Frühlingserinnerungen‘ erschien im September.“
Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Da hatte wohl jemand Hintergrundwissen in Sachen Buchmarketing und nutzte es nicht. „Ach, die liebe Inkonsequenz“, dachte ich still. Vernehmlich sagte ich stattdessen: „Mögen Sie mir etwas über Ihre anderen Bücher erzählen? Die ‚Hexe von Hitchwick‘ zum Beispiel. Die Namensgebung des Romans erinnert mich irgendwie an einen Titel von John Updike.“ Ich erlaubte mir ein hinterlistiges Schmunzeln. „Liegt Hitchwick in der Nähe von Eastwick?“
„Richtig!“ Angela lachte herzlich, „Eastwick liegt nur ein paar Meilen östlich von Hitchwick. Spaß beiseite, zu meiner Schande muss ich gestehen, die Ähnlichkeit ist mir bis zu einer Rezension von J. Mertens nicht aufgefallen. Peinlich. Ich habe mit Begriffen und Ortsnamen gespielt und plötzlich stand da Hitchwick. So ungefähr kam auch die Idee der Geschichte zustande. Inspiriert hat mich eine Halloween-Folge der Simpsons und Inspektor Barnaby. Idyllisches, englisches Dorf, das der Legende nach von einer Hexe heimgesucht wird, die es auf junge Mädchen abgesehen hat. Daraus wurde eine Kurzgeschichte, die im Endeffekt den Anfang des Buchs bildete. Als die Kurzgeschichte fertig war, ließen mich die Figuren und die Frage, was mit den Mädchen geschehen ist, nicht mehr los. Deswegen setzte ich Sug und Morgan auf den Fall an, schließlich sind sie Mitleider der Gesellschaft zur Wahrung des Wissens von Alexandria. Durch den hauseigenen Blog der Gesellschaft, http://uebersinnliche-geschichten.blogspot.de/, wurde zuerst Sug auf die Geschichte aufmerksam und die schickte den Link an Morgan weiter. Genau an der Stelle beginnt das Buch. Da sind wir auch schon bei dem Punkt, den ich an Büchern liebe und der das Besondere meiner eigenen Bücher darstellt. Das Verweben von Phantasie und Realität. Der Blog ‚Geschichten des Übersinnlichen‘ existiert wirklich. In ‚Emma, Zaunreiterin‘ lasse ich das Dortmund der Hexenverfolgung auferstehen. Die Emma und Agathe Reihe befasst sich mit Magie, Hexerei, Alchemie, was Sinn macht, da Emma eine Haguzza ist. Auf meiner Homepage, findet man eine Art Lexikon zu Emmas mystischer Welt, in dem Kräuter, Orte oder Rituale eingehender erläutert werden. Möglicherweise habe ich auch nur einen kleinen Recherche-Tick, den ich so ausleben kann.“

„Hm-m“, machte ich. Meine Gedanken wanderten nochmal zurück zu den ‚Frühlingserinnerungen‘. Das hat meines Wissens nichts mit Hexen zu tun ... „Liebesromane! Ein großer Sprung in ein anderes Genre, wenn man sich sonst in fantastischen Regionen herumtreibt. Frühlingserinnerungen passt als Buch nicht unbedingt zwischen die Titel der Emma und Agatha Reihe. Welches Genre ist Ihnen denn lieber?“
Angela stand auf, schritt an meinen Regalen entlang und überflog die Titel, die auf die Buchrücken gedruckt und geprägt waren. Sie blieb unerwartet bei einer Ausgabe von ‚Die Muschelsucher‘ stehen. „Bei Emma und Agathe, aber noch mehr bei Sug und Morgan, kann ich mich so richtig ausleben. Blut tropft oder spritzt. Die Figuren zittern vor Angst, wenn sie allein in der Dunkelheit sitzen. In einem Liebesroman kommt das eher weniger gut an, wobei … Aber lassen wir das. Die Geschichte ‚Frühlingserinnerungen‘ war plötzlich da und wollte geschrieben werden, was nicht einfach war. In Liebesromanen Spannung zu erzeugen ist schwierig und ich habe großen Respekt vor einer Rosamunde Pilcher. Das meine ich ernst. Ich möchte mich nicht nur auf ein Genre beschränken. Es ist viel zu spannend, immer mal etwas Neues auszuprobieren.“
Wirklich kreative Geister scheinen sich da allesamt zu gleichen, stellte ich zufrieden fest. Ein Genre durfte, meiner Ansicht nach, nicht zu einem Gefängnis des Geistes werden.
Das machte mir die junge Frau ehrlich sympathisch.

Trotzdem musste ich ihr diese eine bestimmte Frage in jedem Fall noch stellen: „eBook oder richtiges Buch? Was nimmt eine Angela Gäde lieber in die Hand?“
„Welch eine diabolische Frage in einem Raum voll wunderschöner, ehrfurchtgebietender Bücher.“ Oh! Da begriff jemand die spezielle Magie in diesem Zimmer. „Lobe ich eBooks, befürchte ich von einem dieser Meisterwerke angefallen zu werden. Nun wäre es jedoch ziemlich heuchlerisch von mir, gegen eBooks zu sein, wenn meine Bücher ebenso in diesem Format erhältlich sind. Ich nehme die Gefahr auf mich. Ich mag eBooks.“ Ein Augenblick bedrückender Stille folgte. In dieser kurzen Pause blickte sich Angela um. Vielleicht schien sie sich tatsächlich etwas davor zu fürchten, dass ihr ein Buch an den Kopf flog. „Ein dickes Buch auf dem Reader zu lesen schont Nacken und Handgelenke. Meine Mutter muss sich zum Beispiel nicht mehr beschweren, dass die Schrift zu winzig ist, da man alles einstellen kann. Trotzdem bevorzuge ich gebundene Bücher. Ich arbeite viel am Computer, da fühlt sich mein Blick auf Papier wohler. Zudem bin ich einfach gern von ihnen umgeben.“
Das bedrohliche Knurren, das bei ihren Worten zunächst in der Luft gehangen hatte, vernahm nur ich. Mit den letzten drei Sätzen hatte es sich gottlob in ein entspanntes Schnurren verwandelt. Meine Freunde in den Regalen ließen sich heute leicht besänftigen.
Ich nickte ihnen zu, schenkte dann aber unserem Gast wieder meine volle Aufmerksamkeit. „Als was, liebe Angela, sehen Sie sich denn? Als Autorin oder als Schriftstellerin?“
„Ich bin Autorin und Schriftstellerin. Posts, Gastbeiträge, Auftragsarbeiten erledige ich als Autorin.“ Sie sagte dies mit einem sehr geschäftsmäßigen Unterton. Doch dann wurde ihre Stimme weicher. „Setze ich mich an meine Bücher, bin ich Schriftstellerin.“
„Können Sie vom Schreiben denn leben?“, setzte ich nach.
„Wenn ich abwechselnd auf eine Wohnung oder Essen verzichte, dann ja. Als Schriftsteller hat man meistens kein festes Einkommen. In manchen Monaten ist das Konto zufrieden, in anderen bekommt es Heulkrämpfe. Wichtig ist, dass der Kater genug Trockenfutter hat. Das ist schon fast ein Klischee. Mit zerzausten Haaren brütet der Schriftsteller über seinem Manuskript, während auf den anderen Papieren eine Katze friedlich schnurrt. Wo wir gerade dabei sind, lege ich noch ein Klischee drauf. Seit letztem Jahr leben wir auf dem Land. Meine bessere Hälfte hat in Hadamar eine tolle Arbeit bekommen und so zogen wir von Dortmund nach Hessen. Wenn wir so durch die Gegend gurken und z.B. an Maisfeldern vorbeikommen, muss ich automatisch an Stephen King denken. Ich weiß gar nicht warum … Die Landschaft ist unglaublich schön und inspirierend. Dafür ist Hessisch allerdings sehr schwer zu verstehen. Natürlich konnte ich mich nicht davon abhalten, alle Bücher über die Historie der Gegend auszuleihen. Zufälligerweise wohnen wir an einem Weg, der den Namen ‚Hexenschlucht‘ trägt.“
Castle in Maine in Verbindung mit den ländlichen Regionen von Hessen zu setzen ... Das hatte was! In einer Hexenschlucht zu leben, bestimmt auch. Irgendwas sagte mir aber, dass es meine Besucherin nun eben dorthin zog. Sie wollte nach Hause. Es war also an der Zeit, das Gespräch zu beenden.

„Nun ...“ Ich deutete auf die Tasche. „Mir scheint, dass Ihre Werke wirklich hierher gehören. Lassen Sie sie einfach da liegen.“
Ich hätte mit einigen Reaktionen ihrerseits gerechnet - allerdings nicht, mit einem hinterlistigen Grinsen. „Nun ja, da ihr Antiquariat etwas ganz Besonderes ist, habe ich Ihnen auch etwas Besonderes mitgebracht.“ Sie verbreiterte ihr Lächeln, griff in ihre Tasche und legte einen höchst interessant aussehenden eBook-Reader auf den Tisch. „Zufälligerweise fand ich diesen hier in einem kleinen Laden die Straße runter. Dort gibt es jede Menge Kuriositäten. Ich kenne Ihre Meinung zu eBooks, aber vielleicht kann ich sie doch verführen einen Blick zu riskieren“, sage sie und tippte mit dem Zeigefinger auf den Reader. „Sie finden dort alle meine Bücher. Aber natürlich lasse ich Ihnen die Wahl.“ Mit Bedacht zog sie ein Buch nach dem anderen aus ihrer Tasche und legte sie mir neben das Gerät. „Vielleicht sind Ihnen meine Bücher auch so besonders genug.“
Nun musste ich doch aufstehen. Und dann gab ich dieser Autorin, ... dieser Schriftstellerin, meine Hand. Dabei deutete ich eine kurze Verbeugung an. „Nicht nur die Bücher sind mir besonders genug“, sagte ich augenzwinkernd.
Unauffällig ließ ich dabei das Lesegerät zurück in ihre offene Tasche gleiten.